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Donnerstag, 4. Mai 2017

Ein übersetzter Artikel des WWF Polska über die akuellen Ausbaupläne, die auch uns betreffen!



Ein kleines  Wort und ein großer Schritt in Richtung Hochwasser und Verwüstung der Flüsse

Die Änderungen in den Umweltprogrammen führen zu katastrophalen Schäden an den Flussökosystemen – alarmieren die Organisationen, die sich zur  Koalition Lass uns die Flüsse retten! zusammengeschlossen haben. Es geht um das Dokument zur Unterstützung des Wasserstraßenbaus in dem Operativen Programm für Infrastruktur und Umwelt (POliŚ). Trotz des Widerspruchs der Vertreter von NGOs bestätigte der Begleitausschuss des Entwicklungsministers die Änderung der Formulierung „mit dem Ziel der Anhebung ihrer Parameter (…) an die Schifffahrtsklasse III“ in „ mit dem Ziel der Anhebung ihrer Parameter (…) mindestens an die Schiffbarkeitsklasse III“.
 


Nach Ansicht der Koalition Lass uns die Flüsse retten! ermöglicht die Finanzierung aus EU-Mitteln die Zerstörung der natürlichen polnischen Flüsse und ihr Umwandlung in Kanäle. Die Koalition sieht das als einen nächsten Schritt zur Verwüstung des nationalen Naturerbes, das sowieso schon stark unter den unangepassten hydrotechnischen Eingriffen gelitten hat. Die Umweltschützer betonen auch, dass solche Maßnahmen nicht nur eine Gefahr für die Natur, sondern - durch die Vergrößerung der Hochwassergefahr - auch für viele Menschen und Bewohner von Flussauen darstellt.

Bereits Anfang März forderte die Koalition Lass uns die Flüsse retten! in einem Brief an den Entwicklungsminister die Streichung der Änderung in dem POliŚ, die von der Schifffahrts- und Hydrotechnik-Lobby vorgeschlagen wurden. Es wurde darauf hingewiesen, dass dies die Finanzierung der kompletten Kanalisierung der größten polnischen Flüsse bedeuten würde. Die Unterzeichner des Briefs heben hervor, dass es keine strategische Prüfung und keine Öffentlichkeitskonsultationen vor der Annahme des Regierungsprogrammes zur Entwicklung der Binnenschifffahrt sowie vor dem Beitritt in das Europäische Übereinkommen über die Hauptbinnenwasserstraßen von internationaler Bedeutung (AGN) gegeben hat. Eine starke Kontroverse weckt die Tatsache, dass die Änderung eingefügt worden sind, trotzdem die Umweltverträglichkeitsprüfung für die Strategie zur verantwortungsvollen Entwicklung (SOR) die Umweltgefahren beim Wasserwegebau festgestellt hat. Die Empfehlung für dringend benötigte weitere technisch-ökonomisch-ökologische Studien hat man wegfallen lassen. Alle protestierenden Organisationen sind sich einig, dass das vor der endgültigen Entscheidung über den Wasserstraßenausbau zur Schiffbarkeitsklasse IV in Polen erfolgen sollte. Unterdessen erfolgt alles auf die Schnelle und ohne weitere Analysen.

Diese scheinbar kleine Änderung des POIiŚ bedeutet die Möglichkeit der Finanzierung von Investitionen in die Schifffahrt, die zu einer Umwandlung der Flüsse in Schifffahrtskanäle mit einer Mindesttiefe von 2,8 m führt. Es erinnert etwas an die bekannte Situation, als aus dem Mediengesetz zwei Worte gestrichen worden sind: „ oder Zeitschriften“ – sagt Dr. Marta Wiśniewska von der Koalition Lass uns die Flüsse retten!, Mitglied des Begleitausschusses des Entwicklungsministers.

Der bisherige Wortlaut des POIiŚ ermöglichte nur eine Finanzierung des Ausbaus zu  Wasserstraßen der III Klasse, mit einem regionalen Charakter und einer Tiefe von 1,8 m – was auch schon die Umwelt gefährdet und das Hochwasserrisiko vergrößert, jedoch nicht in dem Maße, wie die derzeit geforderten Wasserstraßen der IV und V Klasse. Die neue Version des POIiŚ ignoriert komplett die in der Umweltprognose für die SOR diagnostizierten Gefährdungen für die Oberflächengewässer, die Biodiversität, und am wichtigsten – für die Anpassung an den Klimawandel (darunter die Begrenzung der Auswirkungen von Dürren und Hochwässern), die eine Umwandlung von der Flüsse in tiefe Kanäle mit sich bringt.
Wissenschaftler, ökologische Organisationen, Grüne, bewusste Selbstverwaltungen zeigen seit Jahren auf die wachsende Hochwassergefahr in Zusammenhang mit der Anpassung der Flüsse an die Bedürfnisse der Schifffahrt und der Energiewirtschaft, und dem Fehlen von umfassenden Renaturierungsplänen in Polen. Wir sollten lernen an den Beispielen Rhein und Mississippi, wo durch die Kanalisierung für die Schifffahrt sich die Häufigkeit und Dauer großer Hochwasser deutlich vergrößert hat – argumentiert Radosław Gawlik von der Koalition Lass uns die Flüsse retten!*, ehem. Umwelt-Vizeminister. Amerikaner und Deutsche investieren gegenwärtig riesige Summen in den Hochwasserschutz in diesen regulierten Auen, ergänzt Gawlik.
Nach Ansicht der Koalition Lass uns die Flüsse retten! ist die massive Entwicklung der Güterschifffahrt auf polnischen Flüssen aus ökonomischer und ökologischer Sicht irrational. Die Koalitionspartner sind sich einig, dass die Investierung von Milliarden von EU- und Haushaltsmitteln in die ökonomisch ineffektiven und ökologisch schädlichen Bau von  Binnenwasserstraßen nicht nachvollziehbar ist, insbesondere wenn man das erhebliche Potenzial der polnischen Bahnen bedenkt, die bereit stehen für neue Ladungen und keine wesentlichen negativen Folgen für die Umwelt haben. Die Koalition spricht sich dagegen für eine Binnenschifffahrtsentwicklung nach dem Motto aus: „das Schiff an den Fluss anpassen“. Sie soll auch dem Tourismus und der Erholung dient, also eine Chance für die an Oder und Weichsel angrenzenden Gemeinden darstellen.


Erklärung der Koalition „Lass uns die Flüsse retten!”


Die polnischen Flüsse und natürlichen Wasserressourcen werden immer stärker ausgebeutet und umgewandelt. Seit Jahren gelangen aus unserer Region und aus dem ganzen Land Informationen zu uns über negative Maßnahmen und Investitionen, die den Zustand der polnischen Gewässer verschlechtern. An einigen Orten ist die Situation geradezu tragisch. Dies geschieht trotz der Zusicherung seitens der nächsten Regierung und der Selbstverwaltungen die Situation zu verbessern, trotz der Umsetzung der Verpflichtungen aus der EU-Wasserrahmenrichtlinie.
Die Wasser-Politik ändert sich kaum, manchmal ändert sie sich zum Schlechten, und ihre Schöpfer sind taub gegenüber den Apellen von Nichtregierungsorganisationen eine Reihe von schädlichen Maßnahmen aus dem Bereich der Gewässerregulation, des Flussausbaus, der Querverbauung und Melioration von Flussauen dringend zu stoppen. Häufig werden auch alternative Vorschläge und Anpassungen bei den Technologien, die die Umweltschäden verringern könnten, ignoriert.
Gegen diesen unfreundlichen Ansatz zum Gewässerschutz ankämpfend, wissend wie systematisch weitere Abschnitte polnischer Flüsse zerstört werden, beunruhigt von den Ankündigungen weiterer Investitionen mit negativen Auswirkungen, entschieden wir uns die Kräfte zu bündeln und die Koalition „Lass uns die Flüsse retten!” zu bilden. Die Koalition sammelt Organisationen, die sich mit dem Schutz polnischer Flüsse, Bäche und Feuchtgebiete befassen, sowie Wissenschaftler, Organisationen, Personen, Gemeinden und Institutionen, für die das Los der polnischen Flüsse und Ökosystem bedeutsam ist.
Ich habe die Hoffnung, dass unsere gemeinsame Stimme besser gehört wird, und dass es uns gelingt die Entscheidungsträger zu überzeugen, die weitere Degradierung der polnischen Wasserressourcen zu stoppen. Wir setzen auch darauf, dass wir durch Zusammenarbeit einen weiteren Personenkreis mit unseren Problemanalysen erreichen, lokal und landesweit, sowie dass unseren Vorschlägen zu gesetzlichen, technischen und projektbezogenen Änderungen die nötige Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.
Gegenwärtig dominiert leider eine anachronistische Auffassung, die Wasser- und von Wasser abhängige Ökosysteme wie Ausbeutungs- und Bebauungsräume aufgreift. Wir möchten das ändern. Wir sind nicht einverstanden mit der Weiterführung dieses zerstörerischen Modells des Wasser-Managements. Es liegt im Interesse der Bürger und des Staates, den Flüssen Platz zu lassen und Räume für natürliche Wasserretention zu schaffen. Das ist wichtig sowie in Hinsicht auf die Abdämpfung der Folgen von Hochwasser und Dürren, die Begrenzung der Kosten für den Bau und Unterhaltung von hydrotechnischer Infrastruktur, sowie für die Erhaltung unseres nationalen Reichtums – dem Naturerbe.
Wir werden gemeinsam handeln für:

1.       einen effektiven und systematischen Schutz der Naturwerte und der natürlichen Retention
Der Schutz von Wasser- und Sumpfgebieten, Flussauen sowie die Förderung von Überschwemmungen und hohe Wasserstände tolerierenden Dauergrünland und Gehölzen, ist eine effektive, umweltfreundliche und kostengünstige Lösung, die effektiv die Folgen des Klimawandels lindert, etwa durch verringertes Auftreten von Hochwässern und Dürren, lindern. Außerdem wird dem Klimawandel dadurch vorgebeugt, dass die Moore gespeicherten Kohlenstoffreserven geschützt werden. Die systematische Förderung der natürlichen Wasserretention ist nicht nur eine Notwendigkeit aus den Vorschriften der Wasserrahmenrichtlinie, sondern auch die Priorität in der Hochwasserschutzrichtlinie.

2.       die Anpassung  der Gewässerunterhaltung -Praxis und eventuelle Gewässer-Regulationen an den gegenwärtige Wissensstand über Fluss-Geoökosysteme; … die Durchführung von Fluss-Renaturalisierung im großen Umfang.

Das traditionelle Verständnis von Unterhaltungsmaßnahmen besteht in der Erleichterung und Beschleunigung des Wasserabflusses und umfasst u.a. die Gewässervertiefung, die Vereinfachung der Form des Gewässerbettes und Entfernung der Vegetation und von Totholz aus dem Fluss. Diese Maßnahmen sind erfolglos und ineffektiv, weil sie das aktuelle Wissen über Flüsse und ihre Auen ignorieren und versuchen sich der natürlichen Dynamik von Gewässern entgegenzustellen. Sie führen häufig zur Absenkung des Grundwasserspiegels, zur Versteppung von Feldern und zur Vergrößerung der Anfälligkeit für Dürrekatastrophen. Außerdem vergrößern sie das Risiko von Hochwassern in weiter flussabwärts gelegenen Abschnitten. Sie stellen eine große Belastung für das Fluss-Ökosystem dar, degradieren den landschaftlichen Wert und den Naturwert der Flüsse und ihrer Auen. Es wird eine Neugestaltung der Unterhaltungspraxis benötigt, die mehr auf eine „Zusammenarbeit” mit den natürlichen gewässerdynamischen Prozessen beruht, was auch eine wesentliche Reduzierung des Umfanges der Unterhaltungsarbeiten bedeutet. Ebenso werden für eventuelle Regulierungen neue Lösungen benötigt, die besser die hydraulischen, geomorphologischen und ökologischen Erfordernisse berücksichtigen. Die Wasserläufe, die nach der dem alten Konzept reguliert worden sind, benötigen massenhafte Renaturierungen.  Die Renaturierung von bereits umgestalteten Fließgewässern (und manchmal das Zulassen von der Selbst-Renaturierung durch die natürlichen Prozesse) bringt die für die Flüsse charakteristischen Arten und Lebensräume zurück, verlangsamt die Entwässerung des Einzugsgebietes und vergrößert die für die Klimawandelanpassung so wichtige Wasserretention in der Aue.

3.       den Schutz und Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit

Flüsse, Bäche und ihre Auen sind wichtige ökologische Korridore. Sie werden von verschiedenen Tierarten für kurze Wanderungen sowie für lange Migrationen genutzt. Die Gesundheit vieler auengebundener Populationen z.B. von Wanderfischen hängt davon ab, dass die Fragmentierung ihrer Lebensräume gestoppt und die Durchgängigkeit dort wieder hergestellt wird, wo sie durch menschliche Tätigkeiten unterbrochen wurde. Die Lösungen sollten die Migrationsbedingungen aller flussgebundenen Organismengruppen gerecht werden und abgestimmt sein mit der Erhaltung und Wiederherstellung der hohen Wert der Lebensräume, die das Ziel der Migration darstellen.

4.       die Anpassung der Binnenschifffahrtsentwicklungspläne an die Flüsse

Die polnischen Flüsse zeichnen sich durch hohe Naturwerte, und gleichzeitig durch große Abfluss- und Wasserpegelschwankungen (und manchmal durch hohe Flutwellen und langandauerndes Niedrigwasser) aus. In den meisten Abschnitten sind sie nicht kanalisiert – mit einem breiten Flussbett und einer breiten Flussaue und einer hohen Dynamik des Geschiebetransportes. Dieses natur-hydrologische Potenzial schafft die Voraussetzung für die Entwicklung des Wassertourismus und eines begrenzten, lokalen Wassertransport, aber nicht zum durchgängigen Transport von großen Ladungen. Um die polnischen Flüsse zu Wasserwegen der internationalen Schifffahrtsklasse umzugestalten, müsste eine ständige Mindestwassertiefe von mindestens 2,8 m gewährleistet werden, was selbst nach vielen Investitionen unrealistisch ist. Während Dürre-Perioden wäre die Gewährleistung dieser Tiefe mit der Notwendigkeit verbunden, zusätzlich Wasser einzuleiten. Große Investitionen zum Umbau der polnischen Flüsse in eine höhere Schifffahrtsklasse wären unumkehrbar und die damit verbundene Zerstörung der Naturwerte der Flüsse und ihrer Auen wäre unmöglich zu kompensieren. Zudem würden sie die Ökosystemdienstleistungen, die uns die Flüsse bereitstellen – Wasserreinigung, Abpufferung extremer Wetterereignisse – dauerhaft beeinträchtigen. Die Pläne zum Bau von gigantischen hydrotechnischen Systemen nach den Erfordernissen des Massentransportes lassen nicht nur den Mangel an Wasser, der für den Betrieb solcher Systeme notwendig ist, außer Acht, sondern ignorieren auch das Bestehen und den Ausbau des konkurrierenden Schienennetz sowie die gegenwärtige Tendenz in der Logistik, hin zu einem schnellen „Tür zu Tür”-Transport. Der Schiffstransport dauert nicht nur um das Mehrfache länger als der Transport mit dem Zug, sondern verlangt auch zusätzliches Umladen, was die Sinnhaftigkeit seiner Förderung anzweifeln lässt. Deshalb sollte der Ausbau der Binnenschifffahrt sich an die Eigenschaften der polnischen Flüsse anpassen, sich auf die lokalen Bedürfnisse konzentrieren und in Richtung touristische Schifffahrt gelenkt werden.

5.       die Anpassung der Wirtschaftssektorenplanung an die Flüsse

Auch die Wirtschaft in Polen sollte sich an die Eigenschaften der polnischen Fließgewässer, deren Abfluss- und Wasserstandsdynamik sowie an die Wetter-Ereignisse, die als Folge des Klimawandels auftreten werden, anpassen. Alle Wirtschaftsbereiche, einschließlich der Energie- und Landwirtschaft sollten keine und wenig wasserverbrauchende Mittel einsetzen. Das begünstigt nicht nur den Zustand der Naturwerte von Wasser- und wasserabhängige Ökosystemen, sondern dient auch der polnischen Staatsräson, zumal wir dramatisch wenig sauberes Wasser haben und wir beginnen müssen, es zu unserem eigenen Wohl als elementare Lebensnotwendigkeit Wert zu schätzen. Das entspricht auch der Strategie Europa 2020 im Bereich der effektiven Ressourcen-Nutzung. Alle Wirtschaftsbereiche  sollten auf verantwortungsvolle Weise für die Qualität der Umwelt und die Lebensqualität der Menschen Mittel einsetzen, die zu einem verlangsamten Wasserabfluss beitragen und die Zerstörung von Wasser- und Sumpfgebieten sowie die Verschmutzung von Oberflächen- und Grundwasser ausschließt.

*Die Koalition Lass uns die Flüsse retten! setzt sich für den systematischen Schutz der Naturwerte und der natürlichen Retention, die umfangreiche Renaturierung von Fließgewässern, den Schutz und die Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit, die Anpassung der Schifffahrtspläne an die Flüsse und die Anpassung der Wirtschaftssektorenplanung an die Flüsse ein. Zum Zusammenschluss der Koalition gehören gegenwärtig 20 Organisationen: Towarzystwo na Rzecz Ziemi, Towarzystwo Przyjaciół Rzek Iny i Gowienicy, Stowarzyszenie Ekologiczne EKO-UNIA, Polska Zielona Sieć, Fundacja Strefa Zieleni, Przyjaciele Raby, Klub Przyjaciół Dunajca, Zielony Instytut, Klub Przyrodników, Fundacja Greenmind, Towarzystwo Badań i Ochrony Przyrody, Mazowiecko - Świętokrzyskie Towarzystwo Ornitologiczne, Fundacja Zielone Światło / Zielone Wiadomości, Centrum Ochrony Mokradeł, Klub Gaja, Stepnicka Organizacja Turystyczna Nie Tylko Dla Orłów, Polskie Towarzystwo Ochrony Przyrody “Salamandra”, Fundacja WWF Polska, Fundacja Nasza Ziemia, Pracownia na Rzecz Wszystkich Istot.
 

polnisch:

Mittwoch, 4. Mai 2016

Zeitungsartikel über den Ausbau kleiner und mittlerer Flüsse in Polen

Gazeta Wyborcza vom 14.05.2014

Die Tragödie der polnischen Flüsse. Ohne Sinn vertiefen wir sie, räumen sie aus und umgeben sie mit Wällen

Von  Michał Olszewski, Adam Wajrak
Im ganzen Land werden mit aller Macht kleine und mittlere Flüsse reguliert. Die Folgen sind eine erhöhte Hochwassergefahr, Verwüstung der Natur und das Risiko riesiger finanzieller Verluste

Nowa Biała bei Przełom Białki - Arbeiten beim Wallbau


An der kleinpolnischen Skawa hört man trotz Brutsaison das Geräusch der Kettensägen. Der Weide-Wald-Verband aus Jaroszowice sorgt für Ordnung.  - Ich räume nur den Windbruch auf - versichert der im Wald angetroffene Holzfäller, obwohl es schwer fällt daran zu glauben.

Mitten im wertvollen Auwald sieht man eine breite Einschlagfläche. – das war Gestrüpp! Weidengebüsche, Gebüsche halten das Wasser und den Schlamm, und was für ein Gestank davon ausgeht nach jedem Hochwasser. Was schützt man hier? – wundert sich über unser Interesse Ludwig Fila, der Präsident des Verbandes.

Die richtige Abholzung beginnt jedoch erst noch. Bis zum 15. Dezember möchte das Wasserwirtschaftsamt in Krakau in dem Auen-Gebiet 1,2 Tausend Bäume fällen lassen. Dieser Teil der Investition ist 17 Mio. Zloty wert. Der Auwald verschwindet, am Fluss erscheinen Steinschüttungen: quer zur Anlage von vier Stauschwellen und längst zur Stabilisierung der Ufer.

Das Regionale Wasserwirtschaftsamt erklärt, dass die Arbeiten notwendig sind, weil den Uferbereichen eine Zerstörung drohe. Drei Kilometer stromaufwärts schneidet die Flussaue ein gigantischer Staudamm in Świnna Poręba, erbaut seit 1985. Zu welchem Zweck? Für den Hochwasserschutz der unterhalb gelegenen Gebiete, einschließlich Krakau. Es zeigt sich jedoch, dass der durch den Wasserablass in Gebieten unter dem Staudamm Schäden anrichten kann.

Der Damm arbeitet noch nicht in voller Auslastung, aber seine Auswirkungen sind schon erkennbar. Das Bauwerk verhindert den natürlichen Prozess der Verlagerung von Sohlsedimenten, also von Steinen und Kies. Das Gewässerbett tieft sich ein und das Wasser fließt schneller ab. Der Fluss überschwemmt nicht mehr die angrenzenden Felder so wie früher, aber bei höheren Wasserständen beginnt er den Boden abzutragen – Ludwik Fila erklärt, dass der Fluss innerhalb der vergangenen paar Jahre etwa 20 ha Land mitgenommen hat.

Wenn das Wasser im Brunnen versiegt

Um zu sehen, was an den polnischen Flüssen geschieht, muss man nicht so spektakuläre Investitionen wie den Staudamm in Świnna Poręba betrachten. Seit Jahren dauert bei uns der Ausbau der kleinen und mittleren Flüsse an. Laut den Daten der Umweltschutzorganisation WWF wurden in den Jahren 2010-2013 durch die Meliorationsämter der Wojewodschaften für etwa 16.000 km Flussläufe Ausbaggerungen veranlasst.

Die meisten Arbeiten, ähnlich wie in Świnna Poręba, werden unter der Flagge der Hochwasserbekämpfung durchgeführt. – Die Maßnahmen bewirken meistens den gegenteiligen Effekt, als den beabsichtigten. Sie verwüsten nicht nur die Landschaft und die Natur, sondern sie führen auch zu wirtschaftlichen Verluste, mindestens solche wie der Verlust von Bodenfruchtbarkeit oder schlechtere Wasserqualität – sagt Dr. Przemysław Nawrocki vom WWF, Spezialist im Bereich Schutz von Flussökosystemen.

Laut Prof. Roman Zurek, ein Naturschützer des Naturschutzinstituts PAN, beklagen sich 70% der kleinpolnischen Gemeinden über die Absenkung der Grundwasserstände. – Einer der Ursachen sind die hydrotechnischen Arbeiten. Unbedachte Eingriffe bewirken Tiefenerosion und die Austrocknung von Flussablagerungen. Danach wundern sich die Leute, dass ihnen das Wasser im Brunnen versiegt oder dass die Überschwemmung größere Schäden verursacht – sagt der Wissenschaftler.

Wir bedanken uns beim Biber

Komplett natürliche Flüsse gibt es in Polen kaum. Die meisten wurden in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts reguliert, als auf landwirtschaftlichen Flächen das Problem der Überfluss an Wasser war und nicht sein Mangel. Ein regulierter Fluss gewinnt nie wieder seinen völlig ursprünglichen Charakter zurück, aber er kann viele naturnahe Eigenschaften zurückerlangen. – Im Fall der Bergflüsse, in denen die Hochwasser gewaltige Kräfte haben, kann der natürliche Charakter sich relativ schnell wieder einstellen, innerhalb weniger Jahre. Wenn die Ufer nicht betoniert sind, reichen bereits ein oder zwei solide Hochwasser. Im Fall der Niederungsflüsse kann der Prozess zur Einstellung eines natürlichen und morphologischen Gleichgewichts aus eigener Kraft mehrere Jahrzehnte dauern oder nie wieder eintreten – erklärt Dr. Mateusz Grygoruk von der Warschauer Universität für Life Science (SGGW).

Während man im Westen Europas viele Flüsse unter Aufwand riesiger Finanzmittel renaturiert, haben wir das gewissenmaßen als Geschenk bekommen. Aus Geldmangel gewannen viele kleine Flüsse ihre natürlichen Eigenschaften zurück. Eine Menge gute Arbeit hat der Biber geleistet, der Dämme baut, die bewirkten, dass der Fluss zu mäandrieren begonnen hat. Der Biber hat auch viele Ufer zerwühlt und ihren damit ihren natürlichen Charakter verliehen.

Große Hochwasser sowie der Beitritt Polens zur EU bewirkten, dass im Land sehr viel Geld für neue Flussregulationen sowie zur baulichen Wiederherstellung der sich bereits von selbst renaturierten Flüssen, zur Verfügung steht. Die hydrotechnischen Arbeiten verliefen in einem einmaligen Ausmaß.

Nach der Flut im Jahr 2001 hat die Europäische Investitionsbank Polen 250 Mio. € Darlehen für den Wiederaufbau von beschädigten Wasseranlagen bereitgestellt. Zusammen mit der eigenen Einlage ergeben sich 385 Mio. €. Von diesem Geld entstanden im ganzen Land u.a. Tausend kleine Wasser-Projekte, die zum Teil Weiden, Wälder und Brachen vor Überschwemmungen schützen. – Anstatt ein Entschädigungssystem für Landwirte aufzubauen, deren Felder in Überflutungsbereichen liegen, wählte man in Polen schwere und teure Methoden, die unser natürliches Erbe zerstören – bemerkt Prof. Roman Żurek.

Fischereiliches Ödland

Die Ergebnisse der Meliorationsarbeiten sieht man sogar an der relativ kleinen Łydynia, die in der Gegend von Ciechanow in Mazowien (Region um Warschau) fließt. Der Polnische Anglerverband gab eine Expertise in Auftrag, die feststellen sollte, welche Auswirkungen die Melioration auf die in ihr lebenden Fische hatte. Im Jahr 2005, also ein halbes Jahr vor dem Beginn der Arbeiten an dem über 500 m langem Abschnitt, wurden dort 852 Fische, die zu 13 Arten gehören, festgestellt. Die Gesamtmasse der gefangenen Fische betrug ca. 7 kg, was umgerechnet auf einen ha Wasserfläche 33,5 kg entspricht. Dort lebten u.a. Hecht, Rotauge, Aland, Flussbarsch, Bachforelle, Döbel, Gründling, Bachschmerle und Neunstachliger Stichling.
Nach den Meliorationsarbeiten im April 2008 wurde an demselben Abschnitt ein Kontrollfang durchgeführt. Es zeigte sich, dass statt der 13 Fischarten nur noch 4 vorkamen. Die Masse der Fische pro Hektar fiel von 33 kg auf einen halben kg. Es verschwanden die ökonomisch wertvollen Arten sowie die, die unter Schutz stehen.
Die Folgen der Regulation werden noch viele weitere Jahre sichtbar sein. Die Łydynia ist zu einem Angler-wirtschaftlichem  Ödland geworden – resumiert der Autor der Untersuchung Prof. Wiesław Wiśniewolski von dem Binnenfischerei-Institut.

Die Ner ist ein mittelgroßer Fluss mit einer Länge von 130 km, der durch die Wojewodschaften Wielkopolski und Lodzki fließt. Einige feuchte Wiesen entlang dieses Flusses sind bzw. waren ein Paradies für Vögel. Im Herbst 2007 fuhren die Bagger in das Flussbett. Der Sohle wurde teilweise um bis zu 1,5 m abgesenkt. Der Wasserspiegel fiel und mit ihm flogen die am Fluss brütenden Vögel Hals über Kopf davon. – Im Jahr 2008 halbierte sich im Durchschnitt die Anzahl von 29 Feuchtwiesen-Arten. Gänzlich zogen sich zurück: Haubentaucher, Tüpfelsumpfhuhn, Lachmöwe, Weißbart-Seeschwalbe, Trauerseeschwalbe und Schwarzhalstaucher. Im Jahr 2009 war es noch schlimmer – errechnete Dr. Przemysław Chylarecki von der Allpolnischen Vogelschutz-Gesellschaft (OTOP). Die Gesellschaft erklärte, dass die Arbeiten an der Ner einen erheblichen Schaden für die Umwelt verursachten. Das Verfahren in dieser Angelegenheit läuft noch.

Viele durchgeführte Arbeiten an kleinen Flüssen wirken natürlich harmlos im Vergleich zu dem, was an der Ner oder an der Łydynia geschehen ist. Was ist so schlecht daran, wenn ein Bagger den Fluss um einige Zentimeter vertieft und etwas Mulm entnimmt? In der Praxis bedeutet das die Zerstörung von vielen Kleinstlebensräumen und eine Beschleunigung des Abflusses. Richtig, dem Bauern überschwemmt nicht die Wiese, aber das Risiko, dass ein Hochwasser das Dorf oder die Stadt flussabwärts gefährdet ist bedeutend größer.
 
Wenn es keine Eintagsfliegen gibt

Darüber wie kleine polnische Flüsse aus der Vogelperspektive aussehen, erzählt Dr. Przemysław Nawrocki vom WWF: - Es entsteht ein Projekt, meistens ist der Vorwand die Notwendigkeit der Grundräumung um ein Gebiet vor Überflutungen zu schützen. Bei dieser Gelegenheit kann man das Flussbett begradigen und an den Ufern Wälle anlegen. Dadurch entsteht anstatt eines Flusses eine Rinne. Und selbst wenn an der regulierten Stelle das Wasser nicht über die Ufer tritt, dann beschleunigt es sich bei hohen Wasserständen und nimmt sich was ihm gehört in dem darunter gelegenen Abschnitt.

Was nach solchen Eingriffen bleibt, zeigt das Beispiel der zwischen Feldern fließenden Śliny in der Wojewodschaft Podlaski. Nach dem Auftrag zur Ausbaggerung durch das Meliorationsamt (WZMiUW) haben Angler und Naturschützer untersucht wie sich das auf das Ökosystem auswirkt. – Die Ergebnisse waren katastrophal, erzählt Jerzy Łucki, der Direktor des Polnischen Angler-Verbands aus Bialystok. Die Dichte der Wirbellosen verringerte sich um 80%, es wurde eine große Population geschützter Neunaugen vernichtet. In dem Fluss verschwanden auch die Eintagsfliegen und wo es keine Eintagsfliegen gibt, verliert die Forelle ein Teil ihrer Nahrungsgrundlage. Obwohl wir seit Jahren einen Fischbesatz durchführen!

Ungewöhnlich wertvolle Auenwälder, wie der an der Skawa, fallen den hydrotechnischen Arbeiten zum Opfer. Man kann sie mit Schwämmen vergleichen, die das Wasser in nassen Perioden aufsaugen, um es in Trockenzeiten wieder abzugeben, oder mit einer natürlichen Kläranlage, sie halten nämlich Pestizide, Phosphate und Stickstoff fest. Sie verlangsamen auch eine Hochwasserwelle. Trotzdem kommen sie unter das Beil.

Was antworten die Melioraten auf diese Vorwürfe? Piotr Michaluk, der Vertreter des Direktors des Meliorationsamts von Warschau: - Wir befinden uns zwischen Hammer und Amboss. Auf der einen Seite die Naturschützer, die uns am liebsten jegliche Arbeiten verbieten würden, auf der anderen Seite haben wir die lokale Bevölkerung und die Landwirte, die ihr Land schützen möchten. Das Gesetz über öffentliche Ausschreibungen drängt uns die allerbilligsten Projekte zu suchen, und Projekte, die die restriktiven Umwelt-Anforderungen erfüllen, sind sehr teuer. Wir sind keine Feinde der Natur, aber wir stellen uns auch keine Situation vor, in der wir nichts tun.

Kostspielige Weiden

Außer dem Geld der Europäischen Investitionsbank erhielt Polen auch riesige EU-Mittel. Ihr Verbleib behält die Regierung jedoch als Staatsgeheimnis. Seit über einem Jahr laufen intensive Verhandlungen für Mittel in Höhe von 1,5 Mrd. Zloty, die für die Hochwasserschutz-Politik vorgesehen sind. Aus den Dokumenten, an die wir gelangten, geht hervor, dass die Europäische Kommission Polen anachronistische Methoden im Kampf mit dem Wasser und Missachtung der EU-Direktiven vorwirft, die eindeutig beschreiben, wie der Hochwasserschutz mit möglichst geringen Schäden für die Umwelt realisiert werden soll. Die Zahlung aus dem Fond ist nicht nur deswegen ausgesetzt, weil von Warschau nach Brüssel keine Anträge zur Erstattung der getragenen Kosten mehr fließen. Noch mehr, Polen droht eine Geld-Strafe – im Europäischen Gerichtshof wartet man auf die Bearbeitung der durch die EU-Kommission eingereichten Klage. Die EU-Beamten warten seit 2008 auf die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie. Von der Höhe der Strafe zeugt ein ähnlicher Antrag – im Fall der Erneuerbare-Energien-Richtlinie; die Strafe kann in diesem Fall 133.000 € pro Tag Verzögerung bis zur Aufnahme der EU-Regulation betragen.

Den Fluss speisen
 
Der Gewässerausbau hat normalerweise die Akzeptanz der angrenzenden Bewohner. – Wir können gar nicht warten, bis die Arbeiten hier beginnen- sagt Ludwig Fila aus Świnna Poręba. – Wenn stärkerer Regen kommt, zittern wir, ob uns die Häuser nicht bis zum Dach überschwemmen.

Ein nachhaltigeres Verhältnis zu den Flüssen hat mit vielen Widerständen zu kämpfen. Der kleinpolnische Wojewode Jerzy Miller, der das Hochwasserschutz-Programm im Einzugsgebiet der Oberen Weichsel koordiniert, schaute sich kürzlich den Fluss Skawinka genau an. Miller verglich die Kosten für den Bau der geplanten sechs Staubecken am Fluss mit den Kosten für die Beseitigung der Schäden einer Jahrhundertflut. Es zeigte sich, dass der Bau der Staubecken sechsmal teurer wäre. Wenn jedoch der Wojewode vorschlüge ein Programm zum Ankauf der am meisten durch Hochwasser gefährdeten Immobilien zu starten, würde die lokale Bevölkerung vor Wut hochkochen und denken, dass die Regierung die Dörfer abreißen möchte.

Vielleicht kann die Verwüstung der polnischen Flüsse nur durch eine entschiedene Reaktion der Europäischen Kommission gestoppt werden. Irgendwann müssen wir sicher an vielen Flüssen den natürlichen Charakter wiederherstellen. Die Kosten für die Renaturierung von kleinen Flüssen kann bis zu einer halben Million Zloty pro Fluss-Kilometer betragen, also ein Vielfaches mehr, als man heute für ihre Zerstörung ausgibt.

Laut dem Bericht des WWF werden, wenn die Meliorationsarbeiten nicht gestoppt werden, bis zum Jahr 2015 insgesamt 27.000 km Flüsse vertieft worden sein. Das bedeutet jedoch, dass das Wasser noch schneller abfließt und die Auswirkungen von Dürre und Hochwasser noch deutlicher zeigen werden als bereits jetzt.



Gibt es an den polnischen Flüssen einen Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Anwohner und der Natur möglich?
Für die „Wyborcza” kommentiert Dr. Janusz Żelaziński, Hydrologe, Experte der Umweltkommission des Senats:
Aus ökonomischer Sicht ist es besser die Leute vom Fluss zu entfernen, als sie vor dem Wasser mit Hilfe von Wällen und teuren Regulierungsarbeiten zu schützen. Und das ist die einzige Form eines Kompromisses. Außerhalb der Agglomerationen hat keine andere Option ökonomischen Sinn. Das Problem besteht darin, dass solche Handlungen genauso radikal sind wie die Reform von Balcerowicz. Ohne sie werden jedoch die nächsten Hochwasser noch größere Schäden nach sich ziehen.